Leseprobe

Der Garten im Frühjahr

Roman von Martin Bruhn

Kapitel Eins
Das Haus im Wind

Der Wind war das Erste, was Clara wiedererkannte. Er war nicht einfach nur Wind – er hatte eine Struktur, eine Richtung, ein Gedächtnis. Er strich über das Gelände, als würde er prüfen, ob sich etwas verändert hatte, seit sie fort war. Doch alles wirkte unverändert. Unverrückt.

Eingefroren in einer Zeit, die niemand gezählt hatte.

Clara stand am Fuß des Kieswegs, der zum Haus hinaufführte. Die Steine knirschten nicht. Der Kies war vermoost, weich, wie in Watte gehüllt. Über ihr spannten sich schwere Wolken, die den Himmel in einem stumpfen Grau zudeckten. Kein Sonnenstrahl brach durch. Keine Farben, nur Abstufungen von Schatten.

Sie atmete tief ein. Der Geruch war da: feuchte Erde, altes Holz, etwas Moder, aber auch ein schwacher Hauch von Flieder – obwohl es nicht die Zeit dafür war.

Das Haus stand da wie eine Frage, die seit Jahren niemand mehr gestellt hatte. Das Dach war intakt, aber moosbedeckt. Die Fenster wirkten blind, staubig von innen. Die Fassade hatte ihren Glanz längst verloren, wenn sie je einen besessen hatte. Und doch: Es strahlte etwas aus.

Nicht Wärme. Aber Erinnerung.

Clara konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal hier gewesen war. Es musste lange her sein. Vielleicht war es auch nie ein richtiger Abschied gewesen, sondern nur ein langsames Abgleiten, ein Wegziehen der Gedanken aus einem Ort, der immer mehr zu einer Narbe geworden war als zu einem Zuhause.

Sie wusste nur: Jetzt war sie hier. Und das bedeutete, etwas hatte sie zurückgerufen.

Sie ging langsam die letzten Meter zum Eingang. Der Kiesweg war von Gras durchbrochen, einzelne Pflanzen hatten sich ihren Weg durch die Ritzen der Steine gebahnt. Der Garten war verwildert, nicht wild. Es war, als hätte er sich zusammengezogen, um zu warten.

Die Tür klemmte, wie sie es immer getan hatte. Sie drückte mit der Schulter dagegen, spürte das vertraute, raue Nachgeben des alten Holzes. Dann war sie drin.

Stille.

Nicht die Stille leerer Räume. Sondern eine hörende Stille.

Clara stand im Flur, die Tür hinter ihr schloss sich langsam von selbst. Das Licht war gedämpft. Die Wände waren grau, von Zeit und Staub gemustert. Ein einzelnes Bild hing schief – ein Stillleben, das ihre Mutter gemalt hatte. Birnen in einer Schale.

Sie ging weiter. Ihre Schritte auf dem Holz wirkten fremd, obwohl sie das Knarren kannte. Alles war gleich geblieben, und doch schien es, als hätte es sich selbst vergessen.

Der Salon lag leer. Die Möbel waren verhüllt. Wie bei einer Abwesenheit, die länger gedauert hatte als geplant.

Im Esszimmer standen noch Gläser auf dem Regal. Ein Weinglas, halb blind. Eine Karaffe mit dem Schatten eines Inhalts. Sie rührte nichts an.

Sie ging direkt durch den Korridor zum hinteren Flügel.

Dort lag das Arbeitszimmer. Der Raum ihrer Mutter. Der Ort, den sie nie ganz betreten hatte – nicht einmal als Kind. Er war immer zu ruhig gewesen. Zu voll mit Dingen, die niemand erklärte.

Vor der Tür blieb sie stehen.

Ein einzelner Sonnenstrahl fiel durch das Seitenfenster auf die Klinke.

Sie griff nach dem Griff.

Und öffnete.

Der Raum war erfüllt von einem Duft, der nicht altern konnte. Trockenes Papier, vergilbte Seiten, der süße Ton von getrockneten Kräutern.

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Wie geht die Geschichte weiter?

Begleite Clara auf ihrem Weg zurück zu ihren Wurzeln – und entdecke, was der Garten für sie bereithält.

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